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Fünf Voraussetzungen für AIDS-Präventionsveranstaltungen unter dem Gesichtspunkt der Gesundheitsförderung

(Diese Darstellung bezieht sich auf mein Poster für den 7. Deutschen AIDS-Kongreß, 2. - 6. Juni 1999 in Essen.)


Veranstaltungen zur AIDS-Prävention können sich nicht nur mit reiner Informationsvermittlung begnügen. Die Frage ist, wie Verhaltensänderungen bzw. Eigenverantwortung in Gruppenveranstaltungen gefördert werden können. Es geht mir dabei zunächst nicht um methodische Fragen, sondern um ein grundlegendes Verständnis AIDS-präventiven Handelns. Die gewonnenen Einsichten resultieren aus über sechs Jahren präventiver und beraterischer Tätigkeit unserer Beratungsstelle (AIDS-Beratung im Gesundheitsamt Dresden), verbunden mit wissenschaftlicher Reflexion.

Gängige AIDS-präventive Praxis lässt sich auch heute noch mit dem Begriff "Kondombotschaft" fassen: Es kann alles getan werden, Hauptsache, es geschieht mit Kondom. Diese Botschaft ist einfach und vor allem präventiv leicht zu handhaben.
"Die Botschaften ... lassen sich wie folgt umschreiben: Es kommmt nicht darauf an,
wo man was macht (im Darkroom oder auf dem Plüschsofa), mit wem man was macht (mit Männern, Frauen, Positiven, Negativen, Ungetesteten, Bekannten, Unbekannten),
es kommmt auch nicht darauf an, mit wie vielen man was macht (mit einem einzigen, mit dreien gleichzeitig usw.), sondern es kommt darauf an, wie man was macht: Die Krönung dieser Argumentationskette war immer zwingend: 'Beim Bumsen ein Kondom benutzen.'"(Michael Bochow)
Mit der Kondombotschaft wurde in den zurückliegenden Jahren umfangreiche Aufklärung betrieben. Sie eignet sich selbst für massenmediale Kampagnen und hält das Thema HIV/AIDS im allgemeinen Bewußtsein (siehe beispielsweise die Plakataktionen der Bundeszenzrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) - www.bzga.de).

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Problematisch ist jedoch, dass dabei die Wirklichkeit des intimen Geschehens nicht beachtet wird. Der Verhaltensappell der "Kondombotschaft" wird der Lebensrealität oft nicht gerecht. Präventives Handeln zielt auf kontrolliertes Verhalten - intime Begegnungen können "außer Kontrolle" geraten. Präventionsveranstaltungen dürfen hier keine neue Moral aufbauen. Einwände sind zu verstehen und nicht argumentativ "abzubügeln", wie es im folgenden Auszug einer BZgA-Broschüre zum Kondomgebrauch geschieht:
Meinung: "Wir kennen uns schon länger. Da brauchen wir doch keine Kondome mehr."
Antwort: Leider ist auch eine feste und längere Beziehung alleine noch kein Schutz vor HIV. Safer Sex ist notwendig, bis sich beide Partner (z.B. durch einen HIV-Test) sicher sind, sich nicht anstecken zu können. Wir wissen heute, daß Neuansteckungen auch in festen/langdauernden Beziehungen stattfinden. ...
Meinung: "Kondome? Da vergeht einem doch die ganze Lust!"
Antwort: Manche Männer stört das Überrollen des Kondoms so sehr, dass ihnen dabei die Errektion vergeht, das Glied wird schlaff. Auch hier hilft Übung! Und, das Ganze möglichst locker zu nehmen.

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Die Antwort darauf wird im Konzept des subjektiven Risikomanagements gesehen. Ihm liegt die Vorstellung zugrunde, dass das eigene Schutzverhalten durch individuelle Abwägung auf der Grundlage von Wissen, Erfahrung und Vorstellungen geschieht. Die Entscheidung wird durch das Gesamt der sexuellen Begegnung beeinflusst.
Das präventive Modell des subjektiven Risikomanagements tritt gegen die Moral der "Kondombotschaft" auf. Es wendet sich ebenso gegen die Illusion 100%iger Sicherheit. Dieses Konzept wird vor allem von der Deutschen AIDS-Hilfe (www.aidshilfe.de) vertreten.

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Auch dieses Modell geht von der Vorstellung aus, dass Entscheidungen für oder gegen präventives Handeln vorrangig rational und bewußt getroffen werden. Es wird eine Entscheidungsfreiheit vorausgesetzt, die der Realität kaum entspricht. Klienten unserer Beratungsstelle geben vielmehr an, dass sie sich oft von einer Situation mitreißen lassen und sich selbst über ihre jeweilige Motivation nicht klar sind.

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Sexuelle Begegnungen werden stärker als viele andere Lebensäußerungen durch unbewusste Motivationen beeinflußt, die die "reine Lust" überlagern und präventives Handeln erschweren. Unterschwellige Sehnsüchte, Aggressionen, das Ausleben von Ängsten, der Wunsch nach Selbstbestätigung u.a.m. können Sexualität maßgeblich beeinflussen und geben nur einen begrenten Spielraum frei entscheidbaren Handelns. So lassen sich sexuelle Begegnungen oft auch als Bewältigungsverhalten verstehen.
Dieser Einsicht entsprechen die folgenden fünf Voraussetzungen für Gruppenveranstaltungen. Sie dienen dazu, unbewußte Motivationen präventiven Verhaltens zur Sprache zu bringen:

  1. Veranstaltungen zur AIDS-Prävention erfordern unspezifische Ansätze: Wenn davon auszugehen ist, dass das Erleben der Sexualität von tiefen Sehnsüchten, Ängsten und Erwartungen geprägt ist, muss dem in Gruppenveranstaltungen Raum gegeben werden. So ist eine Veranstaltung mit Schülern einer 8. oder 9. Klasse zum Thema "Das erste Mal", in der eben jene Sehnsüchte, Ängste und Erwartungen ausgesprochen werden können, unter AIDS-präventiven Gesichtspunkten wichtiger als jede Kondomvorführung.
  2. Präventionsveranstaltungen brauchen Raum und Zeit: "Raum und Zeit" ist hier wortwörtlich zu nehmen, aber auch methodisch und empathisch zu verstehen. Eine zwischengeschobene Schulstunde kann ebenso wenig ausreichen wie ein Vortrag, mit dem der Präventionsarbeiter die vor ihm Sitzenden "zuschüttet".
  3. Die Stärkung der Eigenverantwortung ist wichtiges Ziel: Das Wissen um unbewusste Motivationen öffnet den Blick für die Tatsache, dass kein Mensch gegen seine Interessen handeln kann. Es mag manchmal nicht zu klären sein, welche individuellen Interessen höher stehen als gewusst gesundheitsschädliches Verhalten. Doch in dem grundsätzlichen Wissen, dass dem so ist, ist die Wurzel für Empathie zu sehen. Ohne empathische Offenheit für die Lebenswirklichkeit der Adressaten werden Präventionsbotschaften zu verkniffenen Moralappellen.
  4. Präventionsarbeit erfordert einen kontinuierlichen Selbsterfahrungsprozeß der Akteure: Das Thema "Sexualität und AIDS" rührt existentielle Fragen an. Es werden auch Tiefenschichten der Persönlichkeit des Präventionsarbeiters angesprochen. Damit muss er sich auseinandersetzen, denn sonst steht er in der Gefahr, problematische Themen abzuwehren. Hier kann der Grund für manches schlechte Setting in Präventionsveranstaltungen gesehen werden.
  5. Verhaltensorientierte Präventionsarbeit benötigt strukturelle Veränderung: Sexualität geschieht - obwohl es sich zumeist um ein privates Geschehen handelt - innerhalb eines gesellschaftlichen Kontextes. Unsere Gesellschaft sexualisiert einerseits den Alltag, andererseits scheint sie in Prüderie zu erstarren. Hier muss weiterhin gesellschaftlich gewirkt werden, um den gesamtgesellschaftlichen Raum offener zu gestalten und damit einen eigenverantwortlichen Umgang mit Sexualität zu fördern. Das Spektrum reicht dabei von der Anerkennung der Prostitution als Beruf bis hin zu reformpädagogischen Lernansätzen in der Schule, durch die unsere Kinder selbstverständlicher lernen, ihre Sehnsüchte zu spüren, ihre Ängste wahrzunehmen und ihre Erwartungen zu artikulieren.

Wissenschaftlicher Aufsatz zum Thema AIDS-Prävention

Link Matthias Stiehler (1998): Die Stellvertreterfunktion von AIDS in der Gesellschaft als Ressource in Präventionsveranstaltungen - Darstellung eines Rollenspiels

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